Mauerfall – vielleicht auch in Österreichs Schulpolitik?

Einige Anmerkungen und Vorschläge im Anschluss an Karl Heinz Gruber, Stephan Thomas Hopmann und Barbara Herzog-Punzenberger

Seit über zwanzig Jahren beschäftigen mich beruflich Projekte an der Nahtstelle Lernen und Digitalisierung. Vordergründig. Genauso könnte ich meine Arbeit aber auch so beschreiben, dass ich daran mitwirke, vorher Unvorstellbares (Pädagog/innenbildung online, wie sie nunmehr die Virtuelle PH anbietet; kein Kind ohne digitale Kompetenzen, wie das zur Zeit Zug um Zug durch das Schulfach Digitale Grundbildung realisiert wird) zuerst vorstellbar zu machen und dann auch – wiederum immer gemeinsam mit anderen – die konkrete Umsetzung zu betreiben. Letztlich dreht es sich meine Tätigkeit immer ums institutionelle Öffnen von Fenstern und Möglichkeitsräumen und das Zufallbringen von (mentalen) Mauern, die das verhindern.

Vor 30 Jahren, im November 1989, wurde mit dem Fall der Berliner Mauer etwas Realität, das vorher schlicht als utopisch galt. Mir scheint, dass unter der (wahrscheinlichen) schwarz/türkis-grünen Regierung so ein Mauerfall-Moment in der österreichischen Schulpolitik möglich werden könnte. Es gibt Zeichen der Zeit dafür. Zuversichtlich stimmt mich beispielsweise, dass der neue Qualitätsrahmen für die Steuerung der Schulqualität die Autonomie der Schulen, deren gedeihliche Entwicklung – auch im Zusammenwirken mit Clustern und in der jeweiligen Bildungsregionen – in der Vorstellung nach oben und das Bildungsministerium bildlich gesprochen nach unten in eine ermöglichende Rolle rückt. Hier hat sich das Bildungssystem richtigerweise vom Kopf auf die Füße zu drehen begonnen. (Quelle: BMBWF (2019): Weißbuch Steuerung des Schulsystems in Österreich, S. 11).

Überblick Steuerungsebenen im Schulsystem und wesentliche SteuerungsinstrumenteDie einschlägige Forschung weist schon lange auf das positive Potential einer solchen Reform hin; und in vielen vorbildlichen Bildungssystemen kann man die förderliche Wirksamkeit solcher Entwicklungen studieren. Wobei im Bildungsbereich Bewegung in Zehnjahresschritten gemessen wird. Was mich zu einer weiteren positiven Entwicklung im österreichischen Bildungswesen führt, die just heuer zehn Jahre alt wird: die Pädagog/innenbildung neu als grundsätzliches Ende der Zweiklassengesellschaft in der Lehrerschaft. Bei allen Schwierigkeiten im Detail: Auch hier läuft eine Entwicklung grundsätzlich in eine richtige Richtung!

Getreu dem Prinzip Hoffnung – ein bissl was geht immer! – will ich die Chance nicht verabsäumt haben, ein paar konkrete Ideen in den öffentlichen Diskurs einzubringen bzw. vielmehr auf die Möglichkeit hinzuweisen, gute Ideen und Entwicklungen, die schon da sind, einfach aufzugreifen, weiterzutreiben bzw. zu adaptieren:

  1. Fortsetzung der Bildungsreform in Vorarlberg. Und wenn’s gut geht – auch die Finnen haben (von der Hauptstadt aus gesehen) am (nördlichen) Rand begonnen, ihr Schulsystem Schritt für Schritt umzubauen – haben wir in zwanzig Jahren tatsächlich ein Bildungssystem auf der Höhe der Zeit.
  2. Die Bildungsinnovationsstiftung durchstarten lassen und dafür großzügig und mutig dotieren. Mit dem Projekt von Mahrer/Hammerschmied ging 2017 ein Aufatmen durch die Landschaft, dem einige Enttäuschung folgte. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt aber durchaus erfreuliche Entwicklungen – Zeit für eine zweite (finanzielle) Chance!
  3. Lehrplanentwicklung mutig(er) denken. Aktuell entsteht ein neuer Lehrplan für die Volksschulen sowie die Sekundarstufe 1. Hier wird neben vielen, vielversprechenden Ansätzen auch fächerübergreifendes, interdisziplinäres Lernen (ein Lernen, wie es fürs 21. Jahrhundert unverzichtbar ist!) qualitativ neu gedacht. Und auch das der Lehrplanentwicklung zugrunde liegende Konzept der „Reflexiven Grundbildung“, wie es in Salzburg formuliert worden ist, hat viel für sich. Weiter so. Und vielleicht noch ein wenig mutiger?! Beispielsweise mit einem Blick auf das aktuelle „National Core Curriculum“ der Finnen, wie es seit 2016 für die dort gemeinsame Schule der Sieben- bis Sechzehnjährigen gilt:
    • Fächerübergreifendes Lernen findet dann statt, wenn die Zeit dafür vorgesehen ist. Ergo muss in finnischen Schulen jedes Jahr ca. eine Unterrichtswoche explizit fächerübergreifendem Lernen gewidmet sein. Ich sehe keinen Grund, warum diese Maßnahme nicht auch Bestandteil des Lehrplans 2020 in Österreich werden sollte.
    • Ein wenig längerfristig – sagen wir mit Fokus Lehrplan 2030 – könnte der Schritt gewagt werden, die Lehrplanentwicklung der allgemeinbildenden Schulen zur Gänze aus ministeriellen (und sonstigen) Hinterzimmern in die Allgemeinheit der Gesellschaft zu rücken. (Schließlich geht es ja um Allgemeinbildung.) Damit könnte beispielsweise ein Bildungskonvent, wie ihn meines Wissens ohnehin alle Parlamentsparteien rasch einberufen wollen, seine Institutionalisierung erfahren: und zwar in der alle zehn Jahre zu erledigenden „Haupt- und Staatsaktion“ der Neuverhandlung der Lehrpläne. Die Finnen sind seit Ende des letzten Jahrtausends bereits in ihrer dritten Iteration der Lehrplanentwicklung. So etwas funktioniert also.
    • Drittens und letztens – und ebenfalls mit Fokus 2030 – sollte der nationale Lehrplan reduziert und verpflichtend durch einen lokal bzw. regional zu entwickelnden, schulautonomen Teil ergänzt werden. Wie das geht und warum das wichtig ist kann man gleich in Kapitel 1 (!) des finnischen Lehrplans nachlesen. Damit würde Schulautonomie nochmals entscheidend gestärkt. Das hätte auch den erwünschten Nebeneffekt, dass sich Schulen und Kollegien tatsächlich mit den Lehrplänen auseinandersetzen müssten – eine Lektüre, die aktuell sehr vernachlässigt wird.
  4. Ganztägige Schule (aus)bauen. Und zwar radikaler bis hin zum Dienstrecht und zum Personal. Beispielsweise so, dass eine Schule großzügig mit baulichen, administrativen und sozialarbeiterischen Ressourcen ausgestattet wird, wenn im Gegenzug die Pädagog/innen tatsächlich ganztags an den Schulen arbeiten.

Keine Illusionen: Nach dem Fall der Berliner Mauer hat es auch Verlierer gegeben. Und solche Verlierer/innen (aus ihrer jeweiligen subjektiven Sicht) würde es auch bei einer weitreichenden Veränderung des österreichischen Bildungssystems geben. Gut nachdenken und aus den Erfahrungen Deutschlands zu lernen schadet hier sicher nicht. Aber darauf zu warten, dass die Honeckers unseres Bildungssystems ihre Privilegien und ihre Sicht der Dinge etc. freiwillig aufgeben?

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