Schule 4.0 querdurchdacht

Gestern, Montagmittag, ruft mich Doris Helmberger von der Furche an – ob ich Zeit hätte für Fragen zum Digitalisierungspaket im österreichischen Schulwesen. Ja, wir könnten uns gerne gleich für Montagnachmittag oder im Laufe des Dienstags einen Termin ausmachen. Nein, so viel Zeit sei leider nicht, ob es telefonisch auch ginge. Also telefonierten wir gestern in Summe 45 Minuten. Und ich bin schon gespannt, was am Donnerstag in der Furche zu lesen sein wird …

Eine ausführliche kritische Würdigung von „Schule 4.0“ hatte ich mir persönlich ohnehin schon vorgenommen – und nachdem die Aufregung des letzten Wochenendes mit einem aktualisierten Arbeitsprogramm der Bundesregierung ein konstruktives Ende genommen hat, hält mich auch sonst nichts mehr davon ab 😉

Thomas Fahnemann, Chef der Semperit-AG, sagte in einem lesenswerten Interview heute im Standard: „Industrie 4.0 passiert nicht von heute auf morgen, das ist ein Prozess.“ Selbiges gilt für Schule 4.0. Am Thema des Computereinsatzes in der Schule bzw. umgekehrt der Frage, wie sich Schule in einer digitalen Welt verhalten und entwickeln soll, wird ja auch in Österreich schon seit Jahren gearbeitet. Immer wieder einmal ist die Zeit so weit gereift, vorhandene Ansätze zu revidieren, zu bündeln und zu fokussieren – und eben das ist mit der Schule 4.0-Strategie nun auch geschehen. Keine der Komponenten ist, für sich besehen, neu – schon gar nicht für Personen, die an deren Entwicklung in den letzten Jahren selbst mitgewirkt haben: Aber die Bündelung, der Wille zur Umsetzung und die dafür (zusätzlich) vorhandenen Ressourcen sowie der Schritt, aus Projekten Institutionen zu formen: Das macht einen Unterschied!

Zuerst zu den aktuell verfügbaren Fakten:

  • Schule 4.0 – jetzt wird’s digital ist eine umfassende und gesamthafte Strategie des Bildungsministeriums BMB in Kooperation mit anderen (zB dem BMFJ oder dem BMVIT) mit dem Ziel, „Kindern und Jugendlichen das nötige Werkzeug an die Hand zu geben, um auf die zukünftigen Entwicklungen und Herausforderungen vorbereitet zu sein.“ Kreativität, digitale und informatische Kompetenz sowie Medienbildung und Kritikfähigkeit sind hier gleichermaßen inkludiert.
  • Die Strategie besteht aus vier ineinandergreifenden Säulen:
    1. Digitale Grundbildung aller 6 bis 14jährigen, curricular abgesichert und basierend auf den Kompetenzmodellen komp4 und digi.komp8 mit evidenzorientiertem Abschluss (digi.check), der den Lernerfolg auch überprüft. Im Herbst 2017 sollen darüber hinaus die legislativen Weichen für eine ab 2018 beginnende Ausstattung aller Schüler/innen mit Tablets bzw. Laptops gestellt werden.
    2. Digital kompetente Pädagog/innen im Sinne des kompP-Modells. Für angehende Pädagog/innen ist dieser Kompetenzerwerb eine Pflichtübung – für solche, die schon länger im Dienst sind, sollen zusätzliche Angebote der Pädagogischen Hochschulen verfügbar gemacht werden. In Zusammenarbeit mit dem BMFJ und weiteren Partnern wird außerdem ein Future Learning Lab (nomen est omen) eingerichtet. Ebenfalls sollen auch alle Pädagog/innen, beginnende 2018, mit einem Dienst-Laptop ausgestattet werden.
    3. Die Infrastruktur und IT-Ausstattung soll bis 2020/21 soweit ausgebaut sein, dass alle Schulen über Breitbandanschluss und leistungsfähiges WLAN verfügen. Entsprechende Rahmenverträge, Ausstattungsempfehlungen sowie kompetente Unterstützung der Schulerhalter sollen das ermöglichen.
    4. Ein Portal für digitale Lerntools – Stichwort Eduthek – bündelt die für die Umsetzung des Programms notwendigen Inhalte, Medien, Werkzeuge und Apps – und zwar verbunden mit modellhaften Einsatzszenarien, die den pädagogischen Nutzen und die Wirksamkeit im Fokus haben.

Dieses Programm ist flankiert von einer Fülle weiterer Informationen, Angebote, Studien und Initiativen, die – zT schon länger vorhanden, zT erst in den letzten Monaten publiziert – im neuen Kontext neue Bedeutung gewinnen. Ich begnüge mich hier (in alphabetischer Reihenfolge) gewissermaßen mit den Überschriften 1. Ordnung sowie Links, die zu detaillierteren Informationen führen; fast müßig zu sagen, dass die Schule 4.0-Strategie hier noch zu einiger Restrukturierung und Aktualisierung führen wird:

Schule 4.0 passiert nicht von heute auf morgen, das ist ein Prozess, formuliere ich in Anlehnung an den oben zitierten Semperit-CEO. In diesem Sinne ist die vorliegende Strategie eine sehr begrüßenswerte, zum Teil auch mutige Bündelung (und damit auch Wertschätzung bei gleichzeitiger Neufassung!) bisheriger Entwicklungen in dem Bereich. Insbesondere die Schritte zur Institutionalisierung – und damit auch Professionalisierung! – im gesamten Bildungssystem sind wichtig. Das Bundeszentrum Onlinecampus Virtuelle PH machte ja schon vor ein paar Jahren den Anfang mit einem Fokus auf zeitgemäße, „digital-inklusive“ Formen der Pädagog/innenbildung. Es folgt nun in Kürze das Bundeszentrum eEducation-Austria und – durch die gebündelte Trägerschaft mehrerer Institutionen bzw. Firmen besonders innovativ – das Future Learning Lab.

Für die Umsetzung muss man unserer Republik und insb. ihren Kindern und Jugendlichen alles Gute und viel Erfolg wünschen und – noch wichtiger – an der jeweiligen Stelle, an der man selbst steht (oder sitzt), das Seine dazu beitragen. The proof of the pudding is in the eating, wie die Engländer es auf unnachahmlich kurze Weise auf den Punkt zu bringen verstehen. Und die Sache wird dann wohl bekommen, wenn alle auch tatsächlich ihre Beiträge leisten – wohlkoordiniert, versteht sich. Denn viele Köche alleine sind noch keine Garantie für Wohlgeschmack …

Stichwort: Koordination. Vor dem Hintergrund meiner langjährigen beruflichen Tätigkeit in diesem Feld der Bildung in einer sich „digitalisierenden“ Welt – gemeinsam mit vielen anderen hier engagierten und kompetenten Personen – stellen sich einem natürlich auch Fragen wie: Fehlt was? Hakt was? Was müsste also aus meiner Sicht und erfahrungsgemäß für eine erfolgreiche Umsetzung in Österreich wirklich passieren? Dazu zwei Hinweise:

  1. Synergie, Kooperation, Koordination. Die Schule 4.0-Strategie spricht von vier ineinandergreifenden Säulen. In Kenntnis der Notwendigkeit gelingender Abstimmungs- und Koordinationsprozesse haben wir hier einen Knackpunkt des Gelingens vor uns. Die Säulen müssen sowohl tragen als auch ineinandergreifen. Bedingung für dieses Gelingen sind schlicht die zeitlichen Ressourcen der handelnden Personen – und die sind leider oft allzu knapp.
    Der Erfolg in der Umsetzung guter Ideen und richtiger Konzepte ist auch mitbestimmt von gelingendem Management und Prozessen, in denen es gelingt, tatsächlich alle „Pferde“ vor den gemeinsamen „Wagen“ zu spannen.
    Zum Gelingen könnte vielleicht auch noch ein drittes, alternatives bzw. komplementäres Bild zum Vier-Säulen-Modell beitragen. In der IT arbeitet man gerne mit der Vorstellung von „Schichten“. Schule 4.0 könnte man sich also auch als ein Gebäude mit mehreren Stockwerken vorstellen, was wiederum die Abhängigkeiten und Prioritäten verdeutlicht:

    1. Ziel ist – im ersten Stock – die tatsächliche und verlässliche digitale Grundbildung aller 6- bis 14-Jährigen. „Kein Kind oder Jugendlicher soll die Schule ohne grundlegende digitale Kompetenzen verlassen.“ formuliert die Digital Roadmap Austria.
    2. Im Erdgeschoß müssen kompetente Pädagog/innen aus- und weitergebildet werden, die imstande sind, diese Aufgabe zu erfüllen und – ja auch – diese Last zu tragen.
    3. Den Pädagog/innen wiederum stehen die für diese Aufgabe erforderlichen Inhalte und Medien, also die Mittel zum Zweck (zB in der Eduthek) gewissermaßen in den Vorratslagern im Keller zur Verfügung.
    4. Und das Fundament, auf dem das alles ruht, bildet die entsprechend leistungsfähige IT-Infrastruktur: Breitband, WLAN, Tablets und Laptops.
  2. Im internationalen Vergleich. Die Schule 4.0-Strategie muss sich nicht nur an der Erfüllung ihres eigenen Anspruchs im österreichischen Bildungskontext, sondern auch an anderen vergleichbaren Strategien und entsprechender Praxis weltweit messen. Zwei Quellen für vertiefte Auseinandersetzung müssen an dieser Stelle genügen:
    • Das World Education Forum (22.-25.1.2017 in London) richtete letzte Woche eine globale Konversation aus; die ist in voller Länge nachzuhören und in meinem Blog zusammengefasst. Gavin Dykes, der Chair dieses planetaren Online-Events, ging dabei so weit, den ohne Kontext leicht missverständlichen, folgenden Satz zu sagen: „A teacher, who can be replaced by a computer, should be.“ Was er damit meinte – und was auf vielerlei Weise in dieser Konversation wieder und wieder zum Ausdruck gebracht wurde – ist das Folgende: Die unverzichtbare und wesentliche Kompetenz der Pädagog/innen ist die Gestaltung des Lernens als Beziehungsgeschehen. Und digitale Medien und Werkzeuge haben gewaltiges Potential, dem Lernen genau in diesem Sinne zu dienen. Gute Pädagogik war also noch nie so gefragt – und so notwendig – wie in der digitalen Welt. Und jede schulische Digitalisierungsstrategie muss sich letztlich immer ins pädagogische Geschehen einordnen, ja zu dessen Verbesserung beitragen. Andreas Schleicher, OECD, hat übrigens im Rahmen dieser globalen Konversation die folgende, mir bis dato unbekannte Grafik verwendet, um die Zusammenhänge und Möglichkeiten zu zeigen:
    • Die International Society for Technology in Education (ISTE) hat schon vor etwa 10 Jahren Standards für den Umgang von Schüler/innen, Pädagog/innen, IT-Managern, Schulleiter/innen sowie Informatik-Lehrer/innen mit IT entwickelt. Aktuell erleben diese – lesenswerten! – Texte unter dem Titel „Transforming learning and teaching“ eine Revision und ein Update. Und auch hier liegt der Fokus klar auf der Weiterentwicklung von Pädagogik. Oder, wie ein anderes US-amerikanisches Dokument, nämlich der Ed Tech Developer’s Guide es auf S. 8 ausdrückt: „Innovate, Don’t Digitize.“

Zusammengefasst meine Wünsche an die Schule 4.0-Strategie in zwei Sätzen: Ich glaube, die Strategie wäre gut beraten, ihrer ja schon existierenden Zusammenarbeit mit den Institutionen der Pädagogik (zB dem ZLS Zentrum für lernende Schulen; den Qualitäts- und Schulentwicklungsinitiativen SQA und QIBB, der MINDT- und Fachdidaktik-Initiative IMST etc.) einen noch bewussteren Schulterschluss folgen zu lassen und – Schritt für Schritt – dieses „Primat des Pädagogischen“ organisatorisch in der Digitalinitiative ebenfalls auf institutionelle Füße zu stellen.
Und: Möge die Übung gelingen! 🙂

Im Gespräch mit der Furche-Journalistin habe ich versucht, diese – eben hier formulierte – Einschätzung so kurz und differenziert wie möglich zu vermitteln: soweit das in ein paar Minuten am Telefon überhaupt geht.

Auf zwei Fragen, die mir Frau Helmberger stellte, möchte ich abschließend noch eingehen:

  1. Wäre es nicht besser, die für die Digitalisierungsstrategie erforderlichen Mittel anderswo einzusetzen?
  2. Sollte man die Schule angesichts des ja tatsächlich auch vorhandenen „schädlichen“ Potentials der Digitalisierung nicht eher für weniger als mehr Digitalsierung sorgen? Schließlich hätten ja auch Leute wie Steve Jobs die iPad-Nutzung ihrer Kinder limitiert.

Zwei Antworten:

Ad 1. Universitäten bzw. ihre Vorläuferinstitutionen gibt es in Europa seit dem 11., im islamischen Raum seit dem 8. Jahrhundert. Die Institution konnte also bis zur Erfindung des Buchdrucks schon auf einige Jahrhunderte des Funktionierens zurückblicken, musste sich aber, um weiter funktionieren sowie ihrem Anspruch und ihrer Aufgabe gerecht werden zu können, auch mit den „neuen Medien“ (damals gedruckte Bücher) und deren Möglichkeiten arrangieren; besser: deren Potential erschließen. Einer der Effekte: Alles wurde teurer. Diese Entwicklungen – nämlich sowohl mediale Entwicklungsschritte als auch das Teurerwerden der Bildung – haben sich seitdem vielfach wiederholt. Und das ist in einer Wissensgesellschaft auch nicht anders zu erwarten. In dieser komplexen Entwicklungs- und Gemengelage gibt es keine einfachen („Weglassen!“) Antworten, sondern nur den – oft mühsamen – Diskurs- und Aushandlungsweg, der in lebendigen Demokratien eben gegangen werden muss. Es gilt aufs Neue die Balance der Mitte zu finden. Also: Unbedingt ein Ja zur Digitalisierungsstrategie und deren ggf. auch höheren Kosten – und zwar immer in laufender Auseinandersetzung mit den Gesamtkosten und der gesamten Aufgabe. Angesichts einer wahrnehmbaren Beschleunigung kann – insgesamt – die Fragerichtung hilfreich sein, wie wenig denn genug sei? Indikatoren für die gelingende Schule 4.0-Strategie wird jedenfalls nicht höherer Stromverbrauch, sondern adäquate digitale Kompetenzen bei allen Schüler/innen sowie die qualitative Weiterentwicklung des pädagogischen Geschehens sein.

Ad 2. Nicht nur die Herren Spitzer & Co. weisen auf die „dunkle Seite“ der Digitalisierung hin. Aber eben weil das Phänomen und dessen Chancen und Risiken – wie beim Straßenverkehr – alle betreffen, müssen sie auch – wie die Verkehrserziehung – Thema in für alle in allen Schulen werden: institutionalisiert und mit ausreichenden Ressourcen. Digitalisierung ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und der Umgang damit ist somit auch Sache der gesamtgesellschaftlichen Institution Schule. Eine dieser Tage von der Bundesjugendvertretung veröffentlichte Studie #MeinNetz verdeutlicht, dass die Jugendlichen gelernt haben, für ihre persönlichen Zwecke mit Computer und (insb.) Handy umzugehen bzw. sich bei Problemen selbst zu helfen. Gleichzeitig ist es ein Gemeinplatz aktueller medienpädagogischer Studien, dass Selbsteinschätzung und tatsächliche Kompetenz der Jugendlichen auseinanderklaffen. Überblick, Zusammenhang, systematische Kompetenzaneignung, kritische Distanz und kritisch denken lernen: das sind alles Themen, die – wenn überhaupt – für die Masse der Bevölkerung nur in der Schule verhandelt werden. Balance und Mitte, also weder zu wenig noch zu viel, sind auch in dieser Frage der „Weisheit letzter Schluss“.

PS: Aha, denkt sich die geneigte Leserin, der geneigte Leser, jetzt vielleicht: Und was heißt das, bitte, konkret(er)? Erstens: Die Beispiele der guten Praxis, wie sie zB im E-Learning 1×1, den digi.komp-Beispielen oder im KidZ-Schaufenster bereits publiziert sind, kennenlernen. Zweitens: Sich zB von den Saferinternet-Schutzimpfungen, digi4famliy, der Medienkompetenz-Initiative Gewalt-Schule-Medien oder werdedigital.at inspirieren lassen. Drittens – und jetzt habe ich doch noch einen weiteren, abschließenden Wunsch an die Schule 4.0-Strategie: In die Entwicklung einer einschlägig forschenden, publizierenden, allgemein wahrgenommenen und allgemeinverständlich kommunizierenden Forschungs- und Entwicklungslandschaft investieren. BITTE 🙂

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