Vom Hype zur verantwortlichen Gestaltung: Leitfäden für Schulleitungen im Kontext von KI

Künstliche Intelligenz (KI) ist in den Klassenzimmern angekommen. Das zu ignorieren würde bedeuten, die Lebenswelt der Schüler:innen zu negieren. Dieser Beitrag empfiehlt, KI im Wesentlichen nicht als Technik-Thema, sondern als eine Herausforderung und Chance zu begreifen, die gleichermaßen Lernkultur und Schule als Institution von und für Menschen berührt. Er bietet Orientierung für ein Führungshandeln, das Lernen im Kontext von KI rekonstruiert und gleichzeitig Schule demokratisiert.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten sehr viel Macht, Ressourcen und Einfluss, und würden damit die wirklich drängenden Probleme des Schulsystems angehen, vielleicht lösen. Was wäre Ihre erste, zweite, Ihre dritte Priorität? Und würden Sie in KI als Mittel zum Zweck investieren? Ich persönlich jedenfalls weder an erster, zweiter noch an dritter Stelle.

Faktum ist aber: Mit ChatGPT haben die Stake- und Shareholder der großen US-KI-Unternehmen eine Entwicklung ins Rollen gebracht, in welcher Bildung (im Vergleich zu finanziellen, machtpolitischen, militärischen und anderen Interessen privater bzw. staatlicher Akteure) bestenfalls die Rolle eines „Kollateral-Nützlings“ spielt, Bildungseinrichtungen sich aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht aus dem Spiel nehmen können. KI irritiert, beeinflusst und verändert gerade die überkommenen „Spielregeln“ der Schule. Dabei ist das Themas „KI in der Bildung“ nicht mit einem „Escape Room“ zu vergleichen, aus dem man nach dem Lösen einiger Rätsel wieder in Freiheit entlassen wird: Wir befinden uns mit KI in einem historischer Prozess, dessen Werden aktuell von allen Beteiligten (bewusst oder unbewusst – und mit unterschiedlich viel Macht und in völlig unterschiedliche Richtungen ziehend) mitgestaltet, mitverantwortet und mitbeeinflusst wird – auch von Ihnen, geschätzte Leserin, geschätzter Leser. Dieser Artikel, die hier angeführten Handlungsempfehlungen sowie weiterführenden Literaturtipps und Online-Quellen wollen Sie dabei unterstützen, Ihr Leitungshandeln zu informieren und Ihrer Leitungsverantwortung gerecht zu werden.

Quelle und Hintergrund dieses Artikels ist übrigens ein mehrjähriges, international vernetztes KI-Projekt mit Freien Schulen in evangelischer Trägerschaft in Baden-Württemberg in dessen Verlauf ca. 100 Pädagogische Tagen und Workshops durchgeführt worden sind. Die in diesem Artikel vertretenen Standpunkte und Einsichten spiegeln den Projektstand mit Anfang Dezember 2025 wider. (Mehr dazu: https://t1p.de/ki-lernen)

KI kontextualisieren

Gerade für Leitungspersonen ist es unumgänglich, KI zu kontextualisieren, um zu wissen, „was hier gespielt“ wird. Abgesehen vom Wissen um die schon erwähnten ökonomischen und politischen Interessen braucht es auch ein Minimum an technischem Verständnis. Die Landschaft der KI-Systeme besteht nicht nur aus generativer KI (wie zB ChatGPT oder Mistral). Die Leistungsfähigkeit und Bekanntheit dieser Machine-Learning-Systeme wird am besten mit dem Wort „enorm“ in Verbindung gebracht: Erst enorm schnelle (und enorm energieverbrauchende) Mikroprozessoren in enorm großen Rechenzentren sowie enorm teure Trainingsprozesse mit enormen Datenmengen haben diese möglich gemacht. Schon lange vor diesem Hype gab (und gibt es immer noch) Expertensysteme (wie zB https://www.wolframalpha.com/), die zwar nur über ein vergleichsweise (sehr) eingeschränktes Leistungsspektrum verfügen, dafür aber mit korrekten Ergebnissen dienen können. Denn im Gegensatz zu dieser symbolischen KI sind die Ergebnisse der generativen (oder subsymbolischen) KI nie „wahr“ und auch nie völlig erklärbar, sondern aus prinzipiellen und konzeptionell-technischen Gründen nur „wahrscheinlich“ (wenn auch durchaus in hohem oder höchstem Maße brauchbar).

KI ist weder intelligent noch denkt sie; manche der für die Entwicklung, die Auslegung, den Verkauf, das Marketing und den Einsatz dieser Werkzeuge verantwortlichen Menschen bringen aber diese Begriffe aus dem menschlichen Verhaltensrepertoire aus unterschiedlichen Gründen ins Spiel, und überspielen damit, dass KI als Maschine und Werkzeug menschliches Verhalten nur simuliert – zwar täuschend echt, aber eben: täuschend.

Die wenigen Zeilen des vorangegangenen Absatzes sollen auch die im Zusammenhang mit KI laufenden bzw. noch auszutragenden ethischen, philosophischen und weltanschaulichen Diskurse andeuten. Diese reichen von transhumanistischen und technophilen Erlösungsvorstellungen bis zu dystopischen Endzeitängsten. Aus Platzgründen muss an dieser Stelle auf weiterführende Literatur verwiesen werden. (Siehe auch dazu: https://t1p.de/ki-lernen) Jedenfalls ist es für schulische Leitungspersonen wichtig, auch diese Kontextaspekte zu sehen. Damit wird auch deutlich, dass der Umgang mit KI auch als (demokratie- und gesellschaftspolitische) und durchaus schulstandortübergreifende Gestaltungsaufgabe begriffen werden muss.

Der österreichische Informatiker Peter Reichl (2023, S. 18) hat das Folgende treffend formuliert: „Wie sollen, können, dürfen und wollen wir mit dem Digitalen Wandel umgehen? Auf diese Frage gibt es eigentlich nur eine Antwort: Über unser Wohl und Wehe wird nicht nur entschieden, wo und wie wir digitale Technologie in unser Leben lassen, sondern auch, was wir darüber wissen und wieviel wir davon verstehen.

So gesehen stellt digitale Bildung vielleicht die größte Zukunftsaufgabe dar.“

Lernen rekonstruieren

Aktuell machen mehr und mehr Schulen und Lehrpersonen die Erfahrung, dass bislang (gut oder zumindest hinlänglich) funktionierende Lehr-, Lern- und Prüfungsformate angesichts des KI-Einsatzes der Lernenden „zerbröseln“. Wie soll man reagieren? Das technische Wettrüsten mit den Schüler:innen wird man nicht gewinnen können – und ignorieren (schon gar nicht auf Dauer) ist auch keine Lösung.

Diese liegt meines Erachtens darin, die Vielzahl der vertrauten oder zumindest eingeschliffenen Prozesse des Lehrens und Lernens angesichts der Irritation und Herausforderung von KI Schritt für Schritt und Gelegenheit für Gelegenheit zu dekonstruieren und – im Kontext der Möglichkeiten von KI – neu zu rekonstruieren:

  • KI zeigt beispielsweise für Lehrkräfte großes Potential in der (zeitsparenden) Entwicklung von (differenzierten) Unterrichtsmaterialien.
  • Mit sog. KI-Assistenten kann man sich als Lehrperson auch gewissermaßen „klonen“ und damit den Lernenden bislang kaum vorstellbare, präzise und inklusive Lernunterstützung anbieten.
  • Lernenden bietet KI neue Möglichkeiten des Zugangs zu Wissen oder erlaubt als Sparringpartner verbesserte und personalisierte Prüfungsvorbereitung.

Gleichzeitig haben Studien auch schon denk- und kreativitätsreduzierende Wirkungen von KI nachgewiesen. Und KI-verursachtes Deskilling ist keine leere Sorge. Lernförderlicher KI-Einsatz? Es kommt darauf an! Und worauf genau, das bemüht sich die pädagogische Profession gerade herauszufinden.

Genauer: Hier zeigt sich die eminent ethische Verantwortung der Pädagog:innen (– oder sollte sich jedenfalls genau hier zeigen), das Lernen mit, über und trotz (also ohne) KI (um an dieser Stelle den Schweizer Hochschulprofessor Beat Döbeli Honegger zu paraphrasieren) als menschen- und lernfreundliche Praxis zu entfalten.

Lernen ist ein leiblich-seelischer Prozess, der mit Mühe, Anstrengung, aber auch dem Glück, dass sich wahrgenommene Lücken füllen, und immer mit Verkörperung, mit existenziellen, lebensgeschichtlichen und sozialen Dimensionen verbunden ist. Diese Dimensionen des Lernens müssen deutlich gewürdigt werden. Angesichts der Ausbreitung digitaler Medien und Tools, die unsere Lebenswelt immer stärker bestimmen, müssen wir uns immer wieder darauf besinnen, dass das Wesentliche am Lernen in der analogen Welt stattfindet: in der leiblich-geistigen Interaktion mit anderen, mit der Umwelt, mit Kultur und Geschichte, mit uns selbst.

Die auf Langzeitstudien beruhenden einschlägigen Studien und Lehrbücher werden aus naheliegenden Gründen erst in zehn bis zwanzig Jahren geschrieben sein können – aktuell kommt es darauf an, sich an einigen grundsätzlichen Orientierungspflöcken auszurichten, gemeinsam Erfahrungen zu machen und diese zu teilen und zu reflektieren:

  • In der Schule hat man es mit Kindern, Jugendlichen, Heranwachsenden zu tun, die erst grundsätzlich Weltorientierung entwickeln und an ihre Mündigkeit herangeführt werden müssen – und der Mensch wird, Martin Buber folgend, am Du (und nicht dessen KI-generierter Simulation) zum Ich.
  • Schüler:innen müssen zuerst einmal grundlegende Kompetenzen selbst erwerben, bevor sie sich von KI die eine oder andere Aufgabe abnehmen lassen. Kurz: Je jünger, desto weniger Bildschirm. Und desto mehr Spielen und Herumtoben im Freien.
  • Wachsender KI-Einsatz muss mit wachsender Medienkompetenz und der Förderung kritischer Urteilskraft einhergehen.
  • Lernförderlich ist KI nur, wenn ihr Einsatz kognitiv aktiviert. Und was für die einen lernförderlich sein kann, ist für die anderen kontraproduktiv. Es kommt eben drauf an!
  • Und solange die Praxis der Leistungsbeurteilung ihren Fokus auf abrufbare (und auch durch KI in Sekunden generierbare) Produkte als Königsweg richtet, wird Lernen als persönlich berührender, transformierender Prozess nur unter erschwerten Bedingungen erfahrbar sein.

Der Anspruch des Lernens stellt sich auch den Personen in Leitungsverantwortung. Michael Fullan (2020, S. 6-7) folgend bedeutet Leadership angesichts der heutigen Veränderungsprozesse insbesondere, Menschen dabei zu unterstützen, gemeinsam Probleme anzugehen, für die es noch keine erprobten Lösungen gibt. Seitens der Schulleitungen ist also Führungshandeln gefragt, das in der Lage ist, in einer unklaren, dennoch drängenden Situation Orientierung und Hilfestellungen, solide, bildungsgerechte, gemeinsam gefundene Antworten zu geben und gute Praxis zu entwickeln. In diesem Sinn darf der KI-Wandel nicht als Verwaltungsaufgabe (die von der EU KI-Verordnung geforderten sind ja recht überschaubar), sondern muss als gemeinsame Lernaufgabe begriffen werden. Es geht darum, Antworten zu finden, wo es noch keine gibt – und dabei Menschlichkeit, Urteilskraft und pädagogische Qualität (neu) ins Zentrum zu stellen.

„Lernseitige“ Empfehlungen für Schulleitende auf einen Blick:

# Lesen Sie sich ein und informieren Sie sich persönlich, damit Sie die richtigen Prioritäten setzen können: Dabei helfen Ihnen auch die weiterführende Literatur und Online-Quellen.
# Schaffen Sie Anlässe und Ausgangspunkte für gemeinsames Lernen: Initiieren Sie Fortbildungen und machen Sie KI erlebbar – auch europäische. Klären Sie auf. Befähigen Sie. Fördern Sie das Lernen.
# Nutzen Sie die „lernende Organisation“ der Schulgemeinschaft und entwickeln Sie diese laufend weiter: Bilden Sie Teams im Kollegium. Erproben Sie Praxisszenarien und fördern Sie kollegiales Lernen. Binden Sie die Schüler:innen und Eltern in die Prozesse ein. Experimentieren Sie und gestalten Sie die Zukunft aktiv mit.
# Setzen Sie Rahmenbedingungen und entwickeln Sie diese kontinuierlich aufgrund der Beobachtung ihrer Konsequenzen weiter – letztlich immer im Sinne einer Kultur gelingenden Lernens: Entwickeln Sie pädagogische Leitlinien, klären Sie Fragen des Datenschutzes, nehmen Sie die rechtliche Verantwortung bewusst wahr und setzen Sie die EU-KI-Verordnung um. Beobachten Sie die Entwicklung der Lernprozesse und der Lernkultur und reagieren Sie gegebenenfalls sofort.
# Ermöglichen und fördern Sie regelmäßige Reflexions- und Nachdenkprozesse: Schaffen Sie Räume für Reflexion, Coaching, Beziehungspflege und ethisch motiviertes Nachdenken – insbesondere gemeinsam mit Schüler:innen.
# Pflegen Sie Netzwerke mit anderen: Lernen Sie gemeinsam mit und von anderen Schulen und teilen Sie Erfahrungswissen. Nutzen Sie überregionale Angebote und bringen Sie sich in überschulische Diskurse ein.

Schule demokratisieren

KI hat, abgesehen von potentieller Lernhinderlichkeit, auch ein irritierendes, existentiell bedrohliches Potential. Dieses äußert sich beispielsweise in der Frage von Kindern, aber auch Jugendlichen oder Studierenden, wozu man denn noch lernen solle, wenn die KI denn ohnehin alles besser könne? (Die für Erwachsene existenzbedrohliche, nämlich sich als Arbeitsplatzgefährdung oder -vernichtung zeigende Wirkung von KI beginnt sich aktuell ja erst anfanghaft zu manifestieren.)

Menschen entwickeln ihre Intelligenz in einer Lebenswelt, die sie nicht nur berechnen, sondern bewohnen, erleben und handelnd gestalten – immer in Interaktion mit anderen. Für die Bildungspraxis bedeutet dies, dass Schüler:innen erfahren müssen, dass es andere Maßstäbe als die von KI erfüllbaren für die Bewertung von Leistung gibt. Es geht darum, die Imperfektion als Lernchance zu begreifen und zu betonen, dass menschliche Intelligenz von technologisch verstandener Rechenleistung verschieden ist. Wir vollziehen unsere Existenz als lernende, in Entwicklung befindliche Wesen. Wenn wir uns diese Dimension immer mehr von Maschinen abnehmen lassen, dann ist das eine Verarmung in existenzieller Hinsicht und ein Angriff auf die im ethischen Diskurs immer wieder eingemahnte „Autorschaft“ des Menschen.

„Ich bin hier nicht Besucher, ich bin Gestalter.“ (Marina Weisband, Demokratie-Aktivistin und mit Ihrer Initiative „Aula“ an Schulen aktiv)

Diese „Autorschaft“ braucht authentische Erfahrungs- und Entwicklungsräume. Insofern KI für Erwachsene genau so neu ist wie für die Heranwachsenden, bedeutet das eine Chance, auch den Umgang damit gemeinsam zu erlernen und zu gestalten. Das potentiell demokratiegefährdenden Potential von KI, wie Nentwich et al. (2025) es in einer Technikfolgenabschätzung fürs österreichische Parlament herausgearbeitet haben, sollte um so mehr motivieren, KI als Anlass zu neuer, gemeinsamer Gestaltungserfahrung auch von Demokratie in all ihren Anfängen, Spielarten und Entwicklungsmöglichkeiten zu nehmen.

Abbildung 1: Infografik KI und Schulleitung. Quelle: Grafik des Autors

Zusammengefasst:
# Den Herausforderungen, Möglichkeiten und Fragezeichen, die KI mit sich bringt, durch gemeinsames Nachdenken begegnen.
# Der Mensch wird am Du zum Ich – Bildung heißt Beziehung.
# Fokus auf Lernförderlichkeit und die Vermittlung von KI- und Medienkompetenz.
# Leitungshaltung – lead learning.
# Taktvoll gemeinsames Lernen organisieren Insgesamt bedeutet das: Es geht nicht um Technik, sondern um Lernkultur!

Das KI-Curriculum

Als Leitfaden des Lernens der Lehrenden wurde in einem Projekt freier Schulen in evangelischer Trägerschaft in Baden-Württemberg das sog. KI-Curriculum entwickelt. Es ist unter https://t1p.de/ki-lernen zugänglich, und beinhaltet TaskCards mit ausgewählten, im Internet frei zugänglichen Ressourcen zum selbständigen Lernen und Vertiefen. Die empfohlenen sieben Lernschritte sind:

  1. KI in Grundzügen verstehen.
  2. KI im Bildungskontext einordnen.
  3. KI im Kontext des lernenden Kollegiums verorten und den laufenden Austausch organisieren.
  4. KI ausprobieren und spielerisch ein erstes Gefühl dafür kriegen.
  5. Verschiedene KI-Anwendungen fürs eigene Lehren erlernen.
  6. KI mit den Lernenden einführen.
  7. KI-Einsatz entfalten, reflektieren, evaluieren und weiterentwickeln.

Literatur

Fullan, M. (2020). Leading in a culture of change (Second edition). Jossey-Bass.

Nentwich, M., Bettin, S.,  Favreuille, S., Fischer, F., Jahnel, J., Krieger-Lamina, J., Peissl, W. (2025). Generative KI und Demokratie. (https://epub.oeaw.ac.at/?arp=0x00402d80)

Reichl, P. (2023 & 2024). Homo Cyber 1. Ein Bericht aus Digitalien. & Homo Cyber 2. Die Welt als Wille und Betriebssystem. Müry Salzmann.